Der letzte der Sieben - LESEPROBE

Sie hatten es geschafft. Fast.

   Loth-en-Aduial. Das Elbenreich lag vor ihnen. Die Dunkelheit einer verschlafenen Morgendämmerung wickelte sich in die Decke eines trägen, vom See aufsteigenden Nebels. Zwischen dem Duft von Blaubeersträuchern sprossen junge Birken wie zerbrechliche, grüne Hoffnung aus dem tiefbraunen, feucht glänzenden Blätterboden empor. Mächtige Rotholzbäume besetzten die Anhöhe wie urzeitliche Wächter einer verbotenen Frucht. Es hieß, die ältesten unter ihnen ragten soweit in den Himmel, dass ihre Wipfel der Götter Füße kitzelten. Der harzige Geruch von Fichtennadeln mischte sich mit dem der Beeren und verdrängte den Schweiß eines langen, unfreundlichen Weges. Nach Wochen aus hohlem Hunger und beißendem Durst, nach unzähligen Meilen aus Kälte und toten, verdrehten Leibern am Wegesrand, stahl sich das erste Lächeln auf Aramirs Gesicht. Der Junge fühlte beinahe schon das Streicheln des Herdfeuers auf seiner Haut, spürte trockenes Stroh seine Rippen kitzeln, fühlte bereits die Sicherheit unbeugsamen Holzes, glaubte elbische Musik zu hören, den Gesang exotischer Stimmen und Gelächter.

   Konnte ein Mensch Elbenmagie lernen, fragte sich Aramir. Konnte ein Achtjähriger ein Magus werden? Ein Elementarist? Ein mächtiger Beschwörer? Als Magus würde Aramir die Geschichte des Dritten Steppenkrieges umschreiben, als Magus würde er die Menschen vom Joch der Schwarzhäute befreien, als Magus würde er – Schmerz biss in seine dürre Schulter wie das Maul eines hungrigen Berglöwen, als sein großer Bruder ihm beinahe den Arm auskugelte.

   »Hör’ auf zu träumen und beweg’ dich!« Hadomirs Stimme war die eines Bären, eines langen, ausgemergelten Bären, der zu früh aus dem Winterschlaf geweckt worden war. »Los jetzt, die anderen sind weit voraus – wir bleiben sogar hinter dem Zwerg zurück!«

   Aramir trieb seine stelzenartig dünnen Beine an, um seinen Arm zu behalten. Während er versuchte, mit der traurigen Handvoll Flüchtlinge mitzuhalten, bemerkte er einen großen Schatten hinter den roten, säulenartigen Stämmen auf dem Hügel.

   Jemand beobachtet uns.

 

»Wir brechen auf«, gebot Rÿn. »Es wird bald hell.«

   Der Leutnant der Elbenpatrouille sah durch die Baumkronen der hölzernen, roten Riesen, die den Saum des Reiches markierten, in den Himmel. Der Ruf einer Haubenlerche klang durch das Unterholz, während der Frühnebel von den Seeufern den Waldboden flutete. Der Elb kontrollierte den Sitz seines Waffengurtes und zog das Kettenhemd glatt, während er seine beiden Begleiter musterte.

   Unter ihrem weiten, weißen Bliaut wirkte Lûthoniel mit ihren grazilen Bewegungen wie eine gläserne Prinzessin. Allerdings wusste Rÿn, wie sehr dieser Eindruck trog. Hätte er allein entscheiden können, so hätte er auf die Zauberweberin verzichtet. Magie, die Macht der Götter über das Gewebe der Welt, gehörte nicht in die Hand Sterblicher, nicht einmal in die der Elben, dachte Rÿn. Magie war Frevel. Eine gefährliche Überschätzung, denn wie Stürme, Waldbrände oder Lawinen war sie kaum kontrollierbar. Er betrachtete den Stumpf seines linken Unterarmes, wo seine Hand hätte sein sollen und biss die Zähne zusammen.

   Dæræin, der dritte im Bunde, war – im Gegensatz zur Maga – ganz nach Rÿns Geschmack und seine eigene Wahl. Der kräftige Krieger, der dem Fuchs das Zaumzeug anlegte, war doppelt so breit wie Rÿn, ein ausnehmend guter Schütze und so unerschrocken, dass sein Mut die Grenze zur Naivität überschritt. Dæræin war unerfahren und gut steuerbar.

   »Der Gûr-nan-Eledhrim soll größer sein als ein Troll«, sagte der Krieger an niemand bestimmten gerichtet.

   Das Gespräch auf ihren Auftrag gebracht, sah Lûthoniel auf und hob eine Augenbraue.

   »Ich habe gehört«, fuhr Dæræin fort, »er habe auf seiner Flucht zwei Dutzend unserer Wachen erschlagen.«

   Lûthoniels zweite Augenbraue folgte der ersten.

   »Mit bloßen Händen.«

   »Sicher.« Die Maga zog ihren Sattel fest.

   »Es heißt, er gehört zu den Sieben«, endete Dæræin.

   Wie sich kräuselnde Wellen vor dem Sturm bemerkte Rÿn eine schmerzende Hitze in seinem Armstumpf, in der Erinnerungen an eine vergangene Schlacht keimten.

   »Zu den Sieben?« Die Elbin schwang sich wie ein Geist auf ihren Apfelschimmel. »Unser Herr schlug Azat-Shum vor den Toren Loth-en-Aduials. Aus den Sieben wurden null!«

   Aber Dæræin ließ sich nicht so leicht abschrecken. Gerade deswegen hatte Rÿn ihn ausgewählt.

   »Die Âshûrz-Udu sind unbesiegbar heißt es.«

  »Niemand ist unbesiegbar«, konterte Lûthoniel, ihr Gesicht eine starre Maske. »Auch die Ersten Sieben nicht. Die Schlacht gegen Azat-Shum ist der Beweis.«

  »Ihre Haut ist aus schwarzem Stahl. Die Sieben brauchen keine Waffen, weil ihre Hände …«

  »Glaubt Ihr alles, was Ihr hört, Bruder Dæræin?«, unterbrach die Maga. »Was sagt Ihr dazu, Bruder Rÿn? Nahmt Ihr nicht Teil an dem Ausfall gegen Azat-Shum?«

   Lûthoniels graue Augen richteten sich auf Rÿn, sich öffnende Stahltore zwischen ihrer beider Geist. Während sein Hass versuchte, seine Furcht zu bannen, kroch Rÿn, vom Armstumpf her, der längst vergangene Geruch von Blut in die Nase ...

© 2016 Nikolaj Kohler