Testament eines Blauwals - LESEPROBE

Er war zu groß.

   Emil stand im Bad vor dem Spiegel und betrachtete seinen Kopf. Die Morgensonne krabbelte den Horizont hinauf, Kaffeegeruch schlängelte sich durch die Türritze und nebenan stieß seines Vaters Schädel gegen die Lampe. Es war die natürliche Abfolge der Dinge. Nur Emils Kopf, der war zu groß.

   »Emil, Frühstück!«, rief seine Mutter von unten.

   Am Frühstückstisch roch es nach frisch gebackenem Brot und frisch gewaschenen Menschen. Die Kaffeemaschine knackte, als hätte sie einen Getriebeschaden, und der Kühlschrank schnurrte wie eine glückliche Katze. Emils Mutter richtete Stullen für die Schule und sein Vater raschelte mit der Zeitung. Ein Buch neben dem Teller, biss Emil von seinem Erdnussbutterbrot.

   »Mer Blauwal ist mit mundertfünfzig Tonnen das mwerste Tier der Welt«, nuschelte er.

   »Emil! Was habe ich dir über Bücher am Esstisch gesagt?« Seine Mutter hob die Augenbraue.

   Emil legte das Buch beiseite, linste aber weiter hinein. Das Herz eines Blauwals kann bis zu einer Tonne wiegen. So viel wie das Auto seiner Mutter, dachte er.

   Die betrachtete den Kopf ihres Jungen. »Hast du die Medikamente von Doktor Bien genommen?«

   »Hmmm.« Emils Kopf war auf Tauchgang im Pazifik. Der Pulsschlag eines Blauwals liegt bei etwa vier Schlägen in der Minute.

   »Dein Kopf ist doch nicht noch größer geworden?«, fragte seine Mutter.

   Emil zählte seinen Puls.

   »Ich hab‘ doch gesagt, vier Jahre ist zu früh um Lesen zu lernen!«, meldete sich sein Vater hinter der Zeitung, ohne aufzublicken.

   Emil war sieben und konnte sich alles merken, was er las.

   »Wenn er weiter so wächst, wird er noch platzen!«, rutschte es seiner Mutter raus.

   Emil stellte sich vor, wie sein Kopf zersprang und das Gehirn als zähe, klebrige Masse vom Tisch, der Kaffeemaschine und der Zeitung seines entsetzten Vaters tropfte. »Coool!«

   »Das ist überhaupt nicht cool!«, rief seine Mutter und machte ein Gesicht, als wäre es schon passiert. »Ich mache einen Termin bei Professor Trenger, wie Dr. Bien empfohlen hat.«

   Emil allerdings dachte, dass das doch cool wäre.

 

Im Sprechzimmer von Professor Dr. Stephan Trenger roch es nach einer Mischung aus altem Mann und Papier. An der Wand hing das Bild eines Gehirns. Das Bild eines Gehirns, das noch nicht geplatzt war. Ein großer Nussbaumtisch verschwand unter wissenschaftlichen Zeitschriften, Korrespondenz und Notizzetteln. Emils Körper saß auf einer Liege, die Welt der Dinosaurier in der Hand. Emils Geist war mit dem Tyrannosaurus in der jüngeren Kreidezeit verschwunden.

   …

© 2016 Nikolaj Kohler